Mirjam Ala-Rachi – Das Mottenstaubuniversum


Bei meiner Bachelor-Arbeit handelt es sich um eine künstlerisch experimentelle „Koffer-Kollektion“, die vom japanischen Ausdruckstanz „Butoh“ inspiriert ist. Darunter ist eine Sammlung von Kleidungsstücken zu verstehen, die nicht den konventionellen Kollektionsgedanken folgt, sondern für jeden Anlass und jede Witterung ein Kleidungsstück bereit hält.

Meine Zielsetzung war hierbei:

1. Reduktion:

Wir leben in einer Zeit, in der man heute noch in Berlin ist, und am nächsten Tag in Sydney sein kann. Diese Freiheit, sei sie erwünscht oder erzwungen, schafft eine neue Form des Wandertums: Den modernen Nomaden. Hatte uns der Ackerbau und die Viehzucht vor Jahrtausenden dazu gebracht unser Nomadendasein aufzugeben, findet nun ein Teil der Gesellschaft zu dieser „Lebensform“ zurück. Inspiriert von dieser Lebensform und dem Erlebten in Japan erwuchs der Wunsch, keine konventionelleKollektion zu entwickeln, sondern eine „Kleidersammlung“ oder eine „Koffer-Kollektion“, die einem das Leben an einem anderen Ort für ein ganzes Jahr ermöglicht. Somit ist diese Kleidungssammlung für jede Jahreszeit geeignet und entzieht sich den klassischen Unterteilungen der Modebranche in Winter/Herbst und Frühjahr/Sommer-Kollektionen. Deshalb entschied ich mich, eine stellvertretende Auswahl aus bequemer Alltags-, Abend-, und Funktionskleidung zu gestalten. Das Grundgerüst ist ein Samt-Mantel, ein dünner Baumwoll-Knochenanzug, und ein Regenmantel aus dünnem atmungsaktivem Funktionsstoff. Darunter kann man die Kleidung (Tops, Pullover, Kleider, Hosen, Leggings, Strumpfhose, Unterwäsche) beliebig kombinieren.

Von der Lebenseinstellung des Butoh-Tanzes und den Lebensbedingungen der modernen Nomaden inspiriert, richtet sich das „Mottenstaubuniversum“ sowohl an alle Freigeister, die sich getrieben von der Sehnsucht, von der Neugierde oder vom beruflichen Erfolg der ganzen Welt öffnen, aber auch an jene, die sich die Welt nach Hause holen wollen – die Welt des Mottenstaubuniversums.

2. Prozessorientierung und Individualisierung

Zeit als Prozess spielt im Butoh-Tanz eine wichtige Rolle. Sie wird einerseits genutzt um Spannung aufzubauen, anderseits können so (Lebens-)Zyklen dargestellt werden. Butoh-Tanz ist immer in „Bewegung„ und entwickelt sich weiter, da er auf das Leben und den Alltag mit seinen Träumen und Nöten bezieht. Somit ist Butoh-Tanz auch immer stark verknüpft mit unserem Zeitgeist und die daraus resultierenden Fragestellungen. Oft finden beim Butoh-Tanz sehr langsame Bewegungsabläufe statt, die den Tanz eine Ruhe verleihen, aber auch dem Publikum die Möglichkeit geben jede Bewegung und die mit ihr ausgedrückten Gefühle nachzuempfinden. Wie schon oben erwähnt möchte ich den „Zerfall“ in meiner Kollektion darstellen, deshalb ist der Faktor Zeit für mich sehr bedeutend. Im Laufe der Zeit beginnt meine Kleidung ein „Eigen-leben“ zu entwickeln und erlangt somit seine Schönheit und Einzigartigkeit. Deshalb habe ich Materialien wie Rost oder den dicken Farbauftrag auf Textilien gewählt, um die Zeit sichtbar zu machen. Wie beim Butoh-Tanz kann das fortschreiten des Prozesses je nach individueller Vorliebe langsamer oder schneller von statten gehen. Durch die Individualisierung möchte ich erreichen, dass die Trägerin der Besonderheit des Kleidungsstück bewusst wird und es schätzt, da dieses Kleidungsstück in dieser Form einzigartig und kein Massenprodukt ist, wie beispielsweise ein „T-Shirt“ von einer Modekette, das man jederzeit überall auf der Welt finden kann.